Ein Beitrag von Josef Niggemann

Eine Wanderung von Kayhude nach Bad Oldesloe 

Es muss nicht immer im Sommer sein – eine Wanderung durch den Kreis Stormarn ist auch im Winter etwas Besonderes. Strukturreiche Landschaften, abwechslungsreiche Naturräume und vor allem wohltuende Ruhe in vielen Bereichen bringen unmittelbar Entspannung. Es ist Sonntag morgen und daher noch besonders ruhig, als es in Kayhude, etwa 5 km vom Stadtrand Hamburg, losgeht. Die vor uns liegenden 21 km scheinen zunächst recht üppig, können natürlich auch verkürzt werden. Irgendwie erwartungsvoll und bei winterlichen 4 Grad mit leichten Nebelschleiern geht es in nordöstliche Richtung.

Verlauf des Hanseatenweges in Stormarn

Zunächst ein Stück auf dem ‚Stegener Weg‘ durch den Ort und schon kurz darauf fällt der Blick auf weite Grünland- und Feuchtbereiche, gegliedert durch Baum- und Gehölzreihen. Wenig später führt der Weg vorbei an den Hofanlagen des Gutes Stegen. Gebäude und Freiflächen erinnern an frühere Zeiten, an lebhaftes Treiben und reichlich Arbeit. Heute leben hier Menschen mit Behinderung. Sie finden hier Beschäftigung in vertrauter und ruhiger Umgebung, entsprechend ihren Begabungen und Fähigkeiten. Im Hof-Café mit ‚Bioland‘-Siegel, aber auch bei Begegnungen draußen sieht man den Menschen die Zufriedenheit an.

Weiter geht es entlang der Alten Alster. Der kleine Fluss war im 16. Jh. Teil der Kanalverbindung von der Alster zur Trave. Dann gehen wir zwischen Wiesen- und Weideland, hier und da von Raum gebenden Knicks gesäumt. Der „Knick“ ist ein typisch schleswig-holsteinische Landschaftselement von besonderem ökologischem Wert und kulturhistorischer Bedeutung. Die in anderen Gegenden schlicht als Baum-, Gebüschreihen oder Hecken bekannten Gehölzbestände beherbergen eine große Zahl an Pflanzen- und Tiergemeinschaften und bieten Schutz vor Winderosion der Ackerböden. Die Gesamtlänge der Knicks allein im Kreis Stormarn liegt bei über 4.000 km! (ca. 45.000 km in Schleswig-Holstein) Das prägt die Landschaft deutlich und macht sie nahezu einmalig.

Wer offenen Auges den Weg verfolgt wird etwas später rechts des Weges die Reste der ehemaligen Burg Stegen nicht verfehlen: Auf einem flachen Hügel, unter größerem Baumbestand. In früherer Zeit lebte hier Johann von Hummelsbüttel, ein Raubritter und Straßenräuber. Die Burgreste sind als Archäologisches Denkmal eingetragen. 

Im weiteren Verlauf  stoßen wir bald auf das Nienwohlder Moor. Direkt vor dem Moor geht es nur rechts oder links weiter, wir biegen rechts ab. Hier befindet sich auch eine Ruhebank und eine Infotafel. Eine Pause mit Blick ins Moorgebiet tut hier richtig gut! Der Mooraspekt scheint die innere Stimmung umzulenken. Hier, am Rand des Moores, scheint sich die Weite der Landschaft zu verringern, zieht der Blick fast automatisch in Richtung Moor. Einzelne Bäume, Grasflächen, Binsen und weidende Hochlandrinder schaffen eine besondere Atmosphäre. Das Nienwohlder Moor ist die Wasserscheide zwischen Nord- und Ostsee und mit einer Fläche von 400 Hektar eines der am besten und größten erhaltenen Moore in Schleswig-Holstein. Natürlich steht das Gebiet unter Naturschutz. Das Betreten des Innenbereiches ist dennoch möglich. Dazu geht es nach weiteren 1,8 km links ab. Im Innenbereich sind noch deutlich die Spuren der noch bis in die 1970er Jahre erfolgten Torfgewinnung erkennbar.

Zwischen Gut Stegen und Nienwohlder Moor

Wir ziehen weiter, lassen das Moor links liegen. Rechts wird der Ort Nienwohld deutlicher sichtbar, dazwischen Feuchtgrünland. Gedanken an die harte Arbeit früherer Bauerngenerationen kommen auf. Ohne sie wäre die Landschaft hier für uns eine andere, höchstwahrscheinlich eine Waldlandschaft, sicherlich aber ärmer an Eindrücken und Impressionen.

So allmählich nähern wir uns dann dem Ort Sülfeld. Ab hier verläuft der Weg gut hergerichtet und klar geführt auf der ehemaligen Bahntrasse der Linie Bad Oldesloe – Henstedt-Ulzburg. Obwohl ideal für Radfahrer, auch für Fußgänger sind solche Wege eine willkommene Abwechslung und durchaus nicht langweilig. Speziell hier im Bereich Sülfeld verläuft ein Teil des  längsten europäischen Obst- und Gehölzlehrpfades.

Mit Erstaunen kann man hier erleben, welche Vielfalt an alten Obstsorten es gibt bzw. gegeben hat. Und wer sich im Ort umsehen möchte, wird die Bäckerei mit Café nicht verfehlen. Hier auf eine weitere Rast zu verzichten fällt schwer. Sollte danach absolut kein Interesse mehr am Weitergehen bestehen, kann auch ein Bus nach Bad Oldesloe genutzt werden. Es ist ratsam, sich vorher nach den Fahrzeiten zu erkundigen.

Ansonsten geht es weiter auf der ehemaligen Bahntrasse, vorbei am Gebiet des Grabauer Sees. Zum See selbst geht es etwas vom Weg ab. Und mit einem Gang durch den Ort Grabau kann der See auch umrundet werden. Auf ca. 6 km bietet vor allem die Nordseite absolute Ruhe in abwechslungsreicher Wald- und Wiesenatmosphäre, aber ohne direkten Blick auf den See.  Der See wurde in früherer Zeit künstlich angelegt und ist heute, nach ehemals wirtschaftlicher Nutzung, weitgehend renaturiert. Erfolge sind u.a. an der bemerkenswerten Vogelwelt bereits sichtbar.            

Und: Wer Zeit mitbringt oder vielleicht mit Kindern unterwegs ist sollte das Naturerlebnis Grabau besuchen! Es handelt sich hierbei um ein mehrfach ausgezeichnetes Projekt, mit einem Waldspielplatz als Teil eines waldpädagogischen Konzepts. Ein sicher einmaliges Erlebnis nicht nur für Kinder, unseren Wald auf sehr angenehme Art näher kennenzulernen. Das Naturerlebnis Grabau ist von der Landesregierung als „Bildungseinrichtung für Nachhaltigkeit“ zertifiziert.

In Grabau besteht außerdem die Möglichkeit zur Einkehr in den Dorfkrug. Auch Übernachtungen sind hier möglich. Schließlich haben wir schon ca. 11 km hinter uns. Wer hier die Tour beenden möchte, kann ebenfalls den Bus benutzen.

Ansonsten begeben wir uns wieder auf den Weg Richtung Bad Oldesloe, vorbei am Grabauer Findlingsgarten, direkt am Weg liegend.

Grabauer Findlingsgarten (c) Tourismusmanagement Stormarn

Die 30 Findlinge aus dem Kreis Stormarn stammen aus geologischen Formationen der vergangenen drei Eiszeiten, mit allen in Skandinavien vorkommenden Gesteinsarten. Die Strecke bis Bad Oldesloe verlangt nun erst einmal weniger von unserer Aufmerksamkeit ab, sowohl landschaftlich als auch kulturell-historisch. Besinnung auf den reinen Weg und auf sich selbst sind angesagt, gehören ja auch zum Wandern und schaffen Raum für neue Eindrücke.

Der „Einmarsch“ nach Bad Oldesloe bringt wieder Abwechslung. Den Weg, teilweise entlang dem Fluss „Beste“, bis in den Kurpark kennen wahrscheinlich nur wenige Auswärtige. Die Stadt direkt an der Trave hat eine historische Altstadt, romantische Wege am Wasser und viele malerische Blickwinkel. Ein längerer Aufenthalt hier ist sehr zu empfehlen!

Es wäre schade, hier am Ende unserer Wanderung gleich die Rückreise anzutreten, denn der Hanseatenweg geht weiter und schon beim „Auszug“ aus Bad Oldesloe geht es zunächst direkt an der Trave entlang, durch die herrliche Traveniederung.

Traveniederung

Und schon einige Personen haben sich inspirieren lassen, eine Fortsetzung des Weges bis zum Endpunkt in Stettin in die Urlaubsplanung mit einzubeziehen. Erst dann wird die eigentliche Intention des Hanseatenweges nachvollziehbar: was eine Handelsroute (nicht nur zu Hanse-Zeiten) bedeutete, mit allen Unterwegs-Erfahrungen durch verschiedene Regionen, Landschaften, mit Menschen und kulturellen Angeboten. Selbst die gelegentlichen Erschwernisse und Unannehmlichkeiten einer solchen Tour -und vielleicht gerade diese- gewähren den meisten Nutzern der Gesamtroute einmalige Erlebnisse.

Über den Autor

Josef Niggemann widmet sich seit Jahren verstärkt den Themen Naturschutz, Wandern und Naherholung in Schleswig-Holstein, vor allem in Stormarn. Er ist Mitglied der NaturFreunde und hier als geprüfter Wanderleiter und Leiter des Hanseatenweg-Projektes für die Strecke Hamburg – Stettin zuständig.

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